Screening
Der GUSS-Test
Gugging Swallowing Screen
Ein standardisiertes Screeningverfahren, um in der Akutphase (z. B. nach einem Schlaganfall) schnell den Schweregrad einer Dysphagie und das Aspirationsrisiko einzustufen.
Einleitung und Einordnung
Der GUSS-Test dient als Entscheidungsgrundlage für die initiale Ernährungssicherheit, ersetzt jedoch keine umfassende instrumentelle Diagnostik.
Voraussetzung für die Durchführung
Der Patient muss wach, aufmerksam und kooperationsfähig sein, eine stabile Atmung und eine aufrechte Sitzposition (mind. 60–90°) einnehmen können und willkürlich husten oder sich räuspern können. Der GUSS gliedert sich in einen indirekten Schluckversuch (Speichelschluck) und einen direkten Schluckversuch. Beim direkten Schluckversuch wird die Reihenfolge breiig → flüssig → fest geprüft – begonnen wird mit der sichersten (breiigen) Konsistenz, die nächste Stufe wird nur bei unauffälligem Befund freigegeben. Maximal erreichbar sind 20 Punkte.
Einstufung und Ernährungsempfehlungen
Basierend auf den Testergebnissen erfolgt die Einteilung in vier Risikostufen:
Punktwert
20 Punkte
Befund
Keine/leichte Dysphagie; minimales Aspirationsrisiko.
Empfohlene Ernährung & Massnahmen
Normale Kost; Flüssigkeiten uneingeschränkt (initial unter Aufsicht).
Punktwert
15–19 Punkte
Befund
Leichte Dysphagie; geringes Aspirationsrisiko.
Empfohlene Ernährung & Massnahmen
Pürierte oder weiche Kost; Flüssigkeiten nur schluckweise geben.
Punktwert
10–14 Punkte
Befund
Mässige Dysphagie; Aspirationsrisiko.
Empfohlene Ernährung & Massnahmen
Kleine Mengen pürierte Kost; zusätzliche Ernährung über Magensonde; Flüssigkeiten andicken (nach IDDSI-Stufen).
Punktwert
0–9 Punkte
Befund
Schwere Dysphagie; hohes Aspirationsrisiko.
Empfohlene Ernährung & Massnahmen
Keine orale Ernährung (Nahrungskarenz); vollständige enterale Versorgung über Magensonde.
Diagnostik und therapeutisches Vorgehen
Die Behandlung erfolgt interdisziplinär durch ein Team aus ÄrztInnen, LogopädInnen/SchlucktherapeutInnen, Pflegekräften und Ernährungsberatung.
Instrumentelle Diagnostik (FEES & VFSS)
Zeigt das Screening Auffälligkeiten, folgt eine instrumentelle Untersuchung. Die FEES (endoskopisch) und die VFSS/Videofluoroskopie (röntgenbasiert) gelten gemeinsam als Referenzverfahren – sie ergänzen sich: Die FEES beurteilt Sekret, Retentionen und Schleimhaut direkt, die VFSS bildet zusätzlich die orale und ösophageale Phase sowie den gesamten Bolustransport ab. Die Wahl richtet sich nach Fragestellung und Verfügbarkeit.
Stille Aspiration
Ein lebensbedrohliches Risiko: Material gelangt in die Atemwege, ohne einen Hustenreflex auszulösen. Oft erst durch die FEES sicher erkennbar.
Therapeutische Massnahmen
Kostanpassung, Schlucktherapie, Haltungsanpassungen (z. B. Chin-Tuck) und sensorische Stimulation. Regelmässige Reevaluation ist zwingend.
Bewertung des Ernährungszustands
Energiebedarf
Idealerweise Bestimmung des Ruheenergiebedarfs mittels indirekter Kalorimetrie, um die Zufuhr exakt anzupassen.
Mundhygiene
Eine sorgfältige Mundpflege ist essenziell – die Aspiration von keimbesiedeltem Speichel erhöht das Pneumonie-Risiko massiv.
Psychosoziale Faktoren
Beobachtung von Angst vor dem Verschlucken, Appetitlosigkeit oder sozialem Rückzug bei Mahlzeiten.
Fazit
Schlucken ist eine lebenswichtige Funktion. Eine frühzeitige Diagnose durch standardisierte Screenings wie den GUSS, gefolgt von fachärztlicher Diagnostik und individueller Anpassung der Kostform, ist entscheidend, um Komplikationen wie Pneumonien zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhalten.
Quellen:
- Trapl, M. et al. (2007). Dysphagia Bedside Screening for Acute-Stroke Patients: The Gugging Swallowing Screen (GUSS). Stroke, 38(11), 2948–2952.
- Dziewas, R. et al. (2017). Flexible endoscopic evaluation of swallowing (FEES) for neurogenic dysphagia: European position paper. European Journal of Neurology.
- Logemann, J. A. (1998). Evaluation and Treatment of Swallowing Disorders (2. Aufl.). PRO-ED. (Referenzwerk zur Videofluoroskopie/VFSS)
- International Dysphagia Diet Standardisation Initiative (IDDSI) – Framework, aktualisierte Fassung 2019.
Der GUSS-Test ist ein Screening und ersetzt keine instrumentelle Diagnostik (FEES/VFSS) oder individuelle fachärztliche Beurteilung.

