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Ernährungstherapie

Ernährungstherapeutische Massnahmen

Schluckstörungen erhöhen nicht nur das Risiko lebensbedrohlicher Aspirationen, sondern führen direkt zu Mangelernährung und Dehydration. Eine frühzeitige Identifikation durch strukturiertes Screening (z. B. MNA oder NRS-2002) ist daher essenziell.

Die Informationen auf dieser Seite dienen als Orientierung und fachliche Information. Sie ersetzen nicht die individuelle Beratung durch Logopädie, Ernährungsberatung oder Ihre behandelnde Ärztin / Ihren behandelnden Arzt.

Jede texturmodifizierte Speise muss vor dem Servieren mit dem passenden IDDSI-Test (z. B. Gabel-Tropf-Test, Löffel-Neige-Test) bei Serviertemperatur geprüft werden – Konsistenzen können je nach Zubereitung, Gerät und Zutaten variieren.

Bei Unsicherheiten, Gewichtsverlust oder Schluckbeschwerden wenden Sie sich bitte umgehend an Ihre Fachperson.

01

Zentrale Ernährungsprobleme

Durch eine fundierte klinische Diagnostik lassen sich spezifische Risiken identifizieren. Im Fokus stehen dabei:

Aspirationsgefahr

Das Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege.

Quantitative Mangelernährung

Eine unzureichende Aufnahme von Energie und Makronährstoffen (Proteine, Kohlenhydrate, Fette).

Dehydration

Ungenügende Flüssigkeitsaufnahme – oft verstärkt durch Angst vor dem Verschlucken und geringe Akzeptanz angedickter Getränke.

02

Die Herausforderung der Texturmodifikation

Um sicher schlucken zu können, muss die Konsistenz von Speisen oft verändert werden (zerkleinert, püriert oder angedickt). Das bringt Risiken – aber auch Chancen mit sich:

Geringere Nahrungsmenge

Modifizierte Kost ist oft weniger appetitlich, was die Verzehrmenge reduziert. Prolongierte Mahlzeiten führen zudem zu vorzeitiger Erschöpfung.

Nährstoffverlust & Dichte

Durch starke Verarbeitung sinkt die natürliche Dichte an Vitaminen (insb. Vitamin C und B-Komplex). Gezielte Anreicherung (hochwertige Öle, Proteinpulver) kann die Nährstoffdichte jedoch signifikant steigern.

Erhöhter Bedarf

Der Körper benötigt zur Regeneration oft mehr Nährstoffe, als durch die veränderte Kost zugeführt werden.

03

Der Teufelskreis der Dysphagie

Ein besonderes Risiko stellt die Sarkopenie (muskulärer Abbau) dar. Mangelernährung führt zu einem Verlust an Muskelmasse, der die am Schluckakt beteiligte Muskulatur überproportional stark betrifft – ein gefährlicher Teufelskreis entsteht:

Dysphagie führt zu sinkender Nährstoffzufuhr.

Mangelernährung entsteht.

Erhöhter Muskelverlust (insb. Schluckmuskulatur) tritt ein.

Die Dysphagie verschlimmert sich, das Aspirationsrisiko steigt weiter.

Ohne gezielte Gegenmassnahmen – etwa energie- und eiweissreiche, angereicherte Kost – beschleunigt sich dieser Kreislauf zunehmend.

04

Gegenmassnahmen – den Teufelskreis durchbrechen

Die gute Nachricht: Mit gezielten Interventionen lässt sich der Teufelskreis aus Dysphagie, Mangelernährung und Sarkopenie wirksam unterbrechen. Entscheidend ist, dass die Massnahmen frühzeitig, systematisch und interprofessionell umgesetzt werden.

Energie- und Eiweissanreicherung

Jede Mahlzeit zählt: Statt mit Wasser zu pürieren, nährstoffreiche Flüssigkeiten verwenden – Rahm, Vollmilch, Kochbutter, hochwertige Öle, kräftige Bouillon oder Bratensaft. Zusätzlich Proteinpulver (z. B. Molkenprotein, Casein) für die Eiweisszufuhr einmischen. Maltodextrin ist kein Protein, sondern ein geschmacksneutrales Kohlenhydrat – es dient rein der Energieanreicherung und ersetzt keine Eiweissquelle. So lässt sich die Energiedichte pro Löffel maximieren, ohne das Volumen zu erhöhen.

Trinknahrung (ONS)

Orale Nahrungssupplemente (ONS) liefern auf kleinem Volumen hohe Energie- und Eiweissmengen. Sie können als Zwischenmahlzeit, in angedickte Getränke gemischt oder in Desserts verarbeitet werden. Die Verordnung erfolgt ärztlich; die Akzeptanz steigt, wenn Geschmack und Darreichungsform individuell angepasst werden.

Flüssigkeitsmanagement

Angedickte Getränke werden oft schlecht akzeptiert, was die Flüssigkeitszufuhr gefährdet. Gegenmassnahmen: verschiedene Geschmacksrichtungen anbieten, flüssigkeitsreiche Speisen wie Suppen oder Kompott gezielt einplanen und die Trinkmenge dokumentieren. Gelee-Würfel aus Fruchtsaft können eine Option sein – jedoch nur mit einem temperatur- und speichelstabilen Geliermittel (nicht mit Speisegelatine, die bei Körpertemperatur im Mund wieder schmilzt und dann dünnflüssig aspiriert werden kann). Die erreichte Konsistenz muss vor dem Anbieten überprüft werden.

Andickmittel richtig wählen (Amylase-Effekt)

Stärkebasierte Andickmittel können durch die Speichelamylase im Mund wieder abgebaut werden – die angedickte Konsistenz wird dünnflüssig, bevor geschluckt wird, und das Aspirationsrisiko steigt. Bei längerem Mundverbleib, Kau- oder Umherbewegungen sind deshalb gummibasierte Andickmittel (z. B. auf Xanthan-Basis) vorzuziehen, da sie amylaseresistent und speichelstabil sind. Details in den Fachprofilen der Bindemittel.

Kleine Mahlzeiten, hohe Frequenz

Betroffene ermüden beim Essen schnell. Statt drei grosser Hauptmahlzeiten sind fünf bis sechs kleine, nährstoffdichte Mahlzeiten wirksamer. Jede Zwischenmahlzeit (z. B. angereicherter Quark, Crème, Smoothie) ist eine Chance, die Gesamtzufuhr zu verbessern.

Monitoring und Verlaufskontrolle

Regelmässige Gewichtskontrollen (mindestens wöchentlich), Dokumentation der Verzehrmengen und wiederholtes Screening (z. B. NRS-2002 oder MNA) decken Verschlechterungen frühzeitig auf. Bei unzureichender oraler Zufuhr muss rechtzeitig eine Sondenernährung (PEG) interdisziplinär diskutiert werden.

05

Tipps für die Zubereitung

Praktische Hinweise, die den Alltag mit texturmodifizierter Kost erleichtern – von der Zubereitung bis zum Anrichten.

Getrennt pürieren

Jede Komponente einzeln verarbeiten, damit Farben und Geschmack erhalten bleiben – das steigert die Akzeptanz deutlich.

Bouillon statt Wasser

Zum Pürieren Sauce, Milch oder Bouillon verwenden – für mehr Geschmack und Nährstoffe pro Löffel.

Bei Serviertemperatur testen

Konsistenzen ändern sich beim Abkühlen oder Erwärmen. IDDSI-Tests (Gabel-Tropf, Löffel-Neige) immer bei der Temperatur durchführen, bei der serviert wird.

Teller vorwärmen

Pürierte Speisen kühlen besonders schnell aus. Vorgewärmte Teller halten die Temperatur länger.

Formen & Moulds

Silikonformen nutzen, um pürierten Speisen eine ansprechende, appetitliche Form zu geben – Augen essen mit.

IDDSI-Test durchführen

Jede Speise vor dem Servieren mit dem passenden Fliesstest oder Guss-Test prüfen.

Zum Fliesstest
06

Anreicherung im Alltag

Bei texturmodifizierter Kost steigt das Volumen, während die Nährstoffdichte sinkt. Gezielte Anreicherung und angepasste Mahlzeitenfrequenz helfen, diesem Defizit entgegenzuwirken.

Energie erhöhen

Vollmilch, Rahm, Butter, Käse und hochwertige Öle statt Wasser zum Pürieren verwenden. Keine Light-Produkte – jede Kalorie zählt.

Wenig und oft

3 kleine Mahlzeiten + 2–3 Zwischenmahlzeiten statt 3 grosse Portionen. Betroffene ermüden beim Essen schnell.

Gewicht beobachten

Regelmässig wiegen. Bei ungewolltem Gewichtsverlust umgehend die behandelnde Fachperson kontaktieren.

Quellen:

  • Volkert, D. et al. (2019). ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clinical Nutrition, 38(1), 10–47.
  • Wakabayashi, H. (2014). Presbyphagia and Sarcopenic Dysphagia: Association between Aging, Sarcopenia and Deglutition Disorders. The Journal of Frailty & Aging, 3(2), 97–103.
  • Hanson, B., O’Leary, M. T. & Smith, C. H. (2012). The Effect of Saliva on the Viscosity of Thickened Drinks. Dysphagia, 27(1), 10–19. (Amylase-Effekt bei stärkebasierten Andickmitteln)
  • International Dysphagia Diet Standardisation Initiative (IDDSI) – Framework, aktualisierte Fassung 2019.

Die Angaben dienen der fachlichen Information und ersetzen keine individuelle ernährungstherapeutische oder ärztliche Beratung. Die erreichte Konsistenz ist vor dem Anbieten stets selbst zu überprüfen.