Umfassende, professionell zusammengeführte Dokumentation (inkl. Dysphagie, Mangelernährung und Evidenzlage Schweiz)
Definition und Hintergrund
Dysphagie ist der medizinische Fachbegriff für eine Schluckstörung. Der Transport von Speichel, Nahrung oder Flüssigkeiten vom Mund in den Magen ist gestört. Sie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom mit vielfältigen Ursachen.
Der Schluckvorgang ist ein hochkomplexer Prozess. Mehr als 50 Muskelpaare und mehrere Hirnnerven arbeiten präzise koordiniert zusammen. Eine Störung kann gravierende Folgen haben – von Aspiration bis hin zur Aspirationspneumonie.
Präorale Phase
Vorbereitung, Wahrnehmung, kognitiver Anteil.
Orale Phase
Kauen, Speichelvermischung, Bolusformung, Transport in den Rachen.
Pharyngeale Phase
Reflexgesteuert; Atemwegsschutz durch Kehldeckel und Stimmlippen.
Ösophageale Phase
Peristaltischer Transport in den Magen.
Formen der Dysphagie
Oropharyngeale Dysphagie
- Husten oder Verschlucken direkt beim Schlucken
- Gurgelnde Stimme
- Nasaler Rückfluss
- Speisereste im Mund oder Rachen
Ösophageale Dysphagie
- Gefühl, dass Nahrung tiefer stecken bleibt
- Probleme vor allem bei festen Speisen
- In der Regel kein Husten beim Schlucken
Ursachen
Neurologische Ursachen
- Schlaganfall oder Hirnblutung
- Parkinson
- Demenzen
- ALS
- Multiple Sklerose
- Diabetische Polyneuropathie
Strukturelle / mechanische Ursachen
- Tumoren im Mund-, Rachen- oder Speiseröhrenbereich
- Narben nach Operation oder Bestrahlung
- Verengungen der Speiseröhre
Altersbedingte Veränderungen (Presbyphagie)
- Sarkopenie
- Reduzierte Kaueffizienz
- Mundtrockenheit
- Verzögerte Schluckauslösung
Diagnostik
- Anamnese und klinische Beobachtung
- EAT-10
- NRS-2002
- MNA
- FEES
- Videofluoroskopie
- Endoskopie
- Manometrie
Therapie und Management
- Logopädische Schlucktherapie (Funktionstraining, Kompensation)
- Texturmodifizierte Kost nach IDDSI (0–7)
- Energie- und eiweißreiche Ernährung
- Behandlung der Grunderkrankung
- PEG-Sonde bei unzureichender oraler Ernährung
Sichere Nahrungsaufnahme im Alltag
- Aufrecht sitzen, Kopf leicht nach vorne
- 20–30 Minuten nach dem Essen aufrecht bleiben
- Kleine Bissen, langsames Tempo
- Keine Ablenkung beim Essen
- Gründliche Mundhygiene mindestens zweimal täglich
Ethik und Lebensqualität
Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme – es bedeutet Würde, Identität und Teilhabe. Therapieentscheidungen müssen Sicherheit, Lebensqualität und den Willen der betroffenen Person berücksichtigen.
Symptome und Risiken
- Husten oder Räuspern beim Essen
- Gurgelnde oder feuchte Stimme
- Verlängerte Essenszeiten
- Vermeidung bestimmter Konsistenzen
- Gewichtsverlust
- Wiederkehrende Pneumonien
Stille Aspiration: Nahrung oder Flüssigkeit gelangt in die Lunge – ohne Husten oder Würgereiz.
Dysphagie und Mangelernährung im Alter
Dysphagie führt häufig zu Mangelernährung, Dehydratation und Muskelabbau. Die klinischen Folgen umfassen reduzierte Lebensqualität, erhöhtes Sturzrisiko, beeinträchtigte Immunfunktion und verzögerte Wundheilung.
Evidenzlage Schweiz:
- 28 % der über 85-Jährigen im Spital sind schwer unterernährt oder im hohen Risiko.
- 22 % der 65–84-Jährigen betroffen.
- Nur 3,6 % der Hospitalisationen haben eine kodierte Unterernährungsdiagnose.
- 70 % der Patient:innen mit klarer Indikation erhielten eine Ernährungsintervention.
Fazit
Dysphagie ist häufig, ernstzunehmend und behandelbar. Früherkennung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und strukturierte Ernährungstherapie verbessern Sicherheit, Prognose und Lebensqualität nachhaltig.